Musencasting

Was als dritter Teil der Serie Schreibtipps gedacht war entwickelt sich gerade zu einem Live-Bericht. Während Trümmerteilchen noch eine Woche mit meinem Freund aus dem Buchhandel in der Toskana verbringt, um seine letzte Begutachtung zu erfahren, bevor es auf Verlagssuche geht, rennt mein Hirn bereits weiter.

Zehn Tage faul gewesen, die Achterbahn im Kopf angehalten, jetzt bricht die Unruhe wieder los. Mein Hirn will arbeiten. Gedanken fliegen in tausend Richtungen, bringen frische Ideen mit, schleppen die Musen an.

Ein Wort vorweg zu den Musen: Sie sind zickige, launische Biester.

Vergesst jede romantische Vorstellung von ätherischen Wesen, die dem Autor erscheinen, ihren Zauberstab schwenken und ein Meisterwerk ist geboren. So wollen sie gerne gesehen werden (selbstherrlich sind sie auch), in Wirklichkeit sind es schleimige Widerlinge. Am liebsten würde ich ganz auf sie verzichten, was leider nicht möglich ist. Wir Autoren sind auf ihre Funken angewiesen, ihre Inspiration, ihre Magie.

Also sitze ich mal wieder da und warte was meine Gedanken da anschleppen. Sind genug zusammen startet das Musencasting.
Ich auf dem Sessel, sie davor, müssen mich von ihrer Idee überzeugen und überzeugend, das sind sie. Musen können sich verkaufen, sie erzählen dir alles, was du hören willst, damit du sie annimmst und ihnen ein Heim gibst. Sobald das geschehen ist fläzen sie auf der Couch, fressen deinen Kühlschrank leer, trinken dein Bier und interessieren sich einen Scheiß für deinen Arbeit. Du musst ihnen in den Arsch treten, ständig, von morgens bis abends: Arschtreten.

Deshalb ist das Musencasting so wichtig, es dient dazu die vielversprechendste Idee mit der motiviertesten Muse zu finden. Wie das geht? Quetsche sie aus, frag sie Löcher in den Bauch, mache dir Notizen. Prüfe die Idee: was kannst du daraus machen?, reicht sie aus einen ganze Handlung zu tragen?, willst du die nächsten Monate (vielleicht sogar Jahre) daran arbeiten?, wird diese Geschichte überhaupt irgendwen interessieren?, was ist das Besondere daran?, gibt es diese oder einen ähnliche Geschichte bereits und wie wurde sie umgesetzt?, wie willst du sie umsetzen?, hast du das nötige Wissen, die entsprechende Kompetenz dazu?, wenn nein, wo kannst du sie dir holen? Diese und noch mehr Fragen sollst du der Muse (und dir) stellen und erst wenn du eine befriedigende Antwort darauf bekommst, triff deine Entscheidung.

Deine Entscheidung muss, trotz guter Vorarbeit, nicht zwingend richtig sein. Musen sind unglaublich gewitzte Lügner und Blender und du wärst nicht der erste der auf sie hereinfällt. Wenn sie dich enttäuscht, schmeiß sie raus. Ohne Gnade. Musen gibt es wie Scheiße in der Kläranlage.

Es mag einige Casting-Runden dauern, bis du eine Muse findest mit der du gut arbeiten kannst, es lohnt sich anspruchsvoll zu sein und wählerisch. Was du auf jeden Fall sein musst ist: streng.

Selbst wenn deine Muse funktioniert wird sie nicht vor Arbeitseifer sprühen. Bleib dran, trete ihr in den Hintern und gewöhne dich an den Gedanken, dass du dennoch den größten Teil der Arbeit alleine machen musst.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s