Geduld

Geduld ist eine Tugend – die ich nicht besitze – die aber fürs Schreiben unerlässlich ist, und die ich daher lernen muss.
Geduld erfordert es, wenn die Zeit schneller läuft, als das Projekte vorangeht.
Geduld braucht es, wenn Zeitpläne kollabieren und man meint, man müsse bereits weiter sein.
Geduld verlangt es, wenn man sein Baby aus der Hand gibt und man erst weiterarbeiten kann, wenn man das Feedback erhält.
Man will die Zeit anhalten, damit sie nicht davonfliegt, andererseits möchte man sie beschleunigen, damit etwas vorangeht.
Stattdessen sitzt man da, auf seinem Stuhl, wippt hin, wippt her, unruhig, ungeduldig, liest zum zehnten, zum zwanzigsten, zum hundertsten Mal die bekannten Seiten, findet mit jedem Lesen Dinge, die man ändern könnte – sollte – müsste und fragt sich, wann das endet. Nie? Wahrscheinlich …
Aber man weiß, dass man mit dem Ergebnis leben kann, wenn das Geschriebene diese eine, diese letzte Instanz passiert hat, diesen strengsten aller Richter. Und weil er so streng, und weil er so genau ist, muss ich warten und geduldig sein.
Wie ich es hasse.

Ob man Geduld lernen kann, weiß ich nicht, aber man kann sich dazu zwingen. Meine Trümmerteilchen liegen derzeit immer noch bei Stefan, der beschlossen hat sie nicht nur zu lesen, sondern ihnen ein Korrektorat und ein Vorlektorat zukommen zu lassen. Das benötigt Zeit. Aber es hilft das Manuskript besser zu machen und nur das zählt.

Ein Manuskript bekommt nur eine Chance (wenn es die überhaupt bekommt) und dann muss es zünden. Weiß das eingereichte Material nicht zu überzeugen, gilt es als verbrannt. Fällt der Text einmal durch, war es das, keine zweite Chance, keine Lucky-Looser-Runde. Das erklärt, warum ich jede Möglichkeit nutze meine Trümmerteilchen besser zu machen – erst wenn ich das Gefühl habe alles für sie getan zu haben, werde ich sie offiziell anbieten.
Und dafür brauche ich Geduld.
Wie ich es hasse.

Florian.Wolf.logo

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Musenzirkus

Da sitze ich nun, die Musenparade zieht an mir vorbei, sie präsentieren sich, werfen sich in Pose. Ich warte, bis ich drei vielversprechende gefunden habe, sie möchte ich genauer interviewen. Der Rest fliegt raus. Wenn die drei sich alle als Nieten herausstellen, geht der Spaß von vorne los. Aber bei den aktuellen Dreien habe ich ein gutes Gefühl.

Nummer eins ist ein alter Bekannter: Buck (so habe ich ihn genannt. Musen muss man einen Namen geben, damit sie bleiben). Er war meine Muse bei Trümmerteilchen, seine Idee simpel: Trümmerteilchen Teil 2. In seinem Konzept dreht es sich darum, wie es mit Felix und Damian (vielleicht sogar Eva) weitergehen soll. Klingt sehr interessant. Leider ist Trümmerteilchen Teil 1 noch nicht gänzlich fertig und noch nicht verkauft, daher sträube ich mich direkt mit Teil 2 anzufangen. Daher verspreche ich Buck auf ihn zurückzukommen, sobald es soweit ist und schicke ihn in den Urlaub.

Nummer zwei stellt sich als Kiki vor. Ihre Idee: eine erotische Komödie. Hm, nie gedacht, dass ich in diese Richtung mal was machen würde. Das Konzept ließe sich auch weg von einer Komödie, hinein in die Abgründe menschlicher Sexualität treiben. Aber nein, das klingt zu sehr nach diesem Shades of Grey-Blödsinn. Außerdem mag ich diese Ideenklone überhaupt nicht. Wer braucht schon die x-te Vampiergeschichte oder noch eine Sado-Maso-Story?

Das Komödienthema reizt mich mehr und mir fallen gleich ein paar interessante Figuren dazu ein. Dennoch bleibe ich skeptisch, vor allem, weil ich nicht so recht weiß, wie ich das Thema angehen soll.

Nummer drei liegt derzeit im Rennen um meine Gunst vorne. Lee kommt mit einer komplett unkonventionellen Idee zu mir: „Lass uns einen Blog machen.“

Mach ich doch“, antworte ich ihm.

Nein, nicht so ein Infogedöns, in dem du dich selbst feierst. Ich rede von einem Blog-Roman. Du als fiktiver Ich-Erzähler, der den Blog schreibt, um sein Leben und sein Denken zu dokumentieren.“

Na toll, und was soll daraus werden: Hirndünnschiss? Eine Laberseite mit Ansichten über die Welt? Brauchen wir das wirklich?“

Moment, lass mich ausreden. Also hör zu …“

Er erzählt, ich lausche und werde immer nervöser. Das klingt gut. Was Lee mir vorschlägt ist ein Psycho-Thriller mit Horror-Elementen, der in Blogform direkt miterlebt wird. Ein Mann, der an die Tür des Wahnsinns klopft, in einer Welt, die von der Realität weg driftet, alles live dokumentiert.

Ein interessantes Projekt, zumal eins, das mir die Zeit verkürzt, bis ich weiß, was aus Trümmerteilchen wird.

Jetzt, nachdem das geschrieben ist, rudere ich gleich wieder zurück. Meine verdammte Ungeduld lässt mich plappern und Zukunftspläne schmieden, weckt Erwartungen und weiß nicht mal, ob sie diese erfüllen kann.

Sämtliche Projekte befinden sich gerade erst in der Konzeptphase. Was soviel heißt wie: ich überlege wohin die Geschichte gehen kann, wie sie enden könnte, wo sie ihren Anfang nehmen sollte und was im Mittelteil passiert. Erste Szenenideen fallen mir ein und werden unsortiert herunter geschrieben; so viele, wie mir einfallen.

Figuren, die in diesen Überlegungen auftauchen müssen analysiert werden. Wer ist wichtig, wer nicht, was muss ich von wem wissen? Charakterbögen müssen erstellt, Biografien entworfen werden. Häufig erfahre ich dadurch nicht nur etwas über die Vergangenheit der Figuren, sondern auch über ihre Gegenwart und wie sie mit Problemen umgehen, daraus leiten sich weitere Szenen ab. Die Geschichte wächst.

Irgendwann müssen die Szenen in eine sinnvolle Ordnung gebracht werden (die sich während des Schreibens bestimmt noch einige Male ändern wird), die Lücken zwischen ihnen werden gefüllt, Überleitungen von einer Szene zur nächsten erdacht, Logikfehler bekämpft.

Und irgendwann sitzt man tatsächlich am Schreibtisch und schreibt die ersten Sätze. Es fühlt sich an als wolle man vom Nordkap aus nach Santiago pilgern, fünf Schritte getan über 5.000 Kilometer noch vor einem. Wie soll man das jemals schaffen? Unmöglich. Trotzdem läuft man weiter, die Füße schmerzen, man ist nicht mal einen Tag unterwegs und will bereits aufgeben. Alles was man tut fühlt sich ungelenk und falsch an und dabei muss man doch nur einen Fuß vor den andern setzen.

Dabei muss man doch nur ein Wort an das andere hängen.

 

P.S.: Eine Muse halte ich mir in der Hinterhand, sie ist sozusagen meine Haus-und-Hof-Muse und eng mit Buck (meiner Trümmerteilchen-Muse) verwandt. Der kleine Ernie will immer, dass ich ein paar Storys aus meinem Leben ausgrabe, sie etwas aufpeppe und daraus eine Kurzgeschichtensammlung, einen Roman, eine Novelle, ein was-weiß-ich-was mache. Auch wenn ich ihm diesen Wunsch nicht erfüllt habe, bleibt er trotzdem brav bei mir und hilft häufig dort aus, wo die anderen Musen versagen.Wer weiß, vielleicht werde ich ihm irgendwann seinen Wunsch erfüllen – als Dank für seine Treue.

 

Musencasting

Was als dritter Teil der Serie Schreibtipps gedacht war entwickelt sich gerade zu einem Live-Bericht. Während Trümmerteilchen noch eine Woche mit meinem Freund aus dem Buchhandel in der Toskana verbringt, um seine letzte Begutachtung zu erfahren, bevor es auf Verlagssuche geht, rennt mein Hirn bereits weiter.

Zehn Tage faul gewesen, die Achterbahn im Kopf angehalten, jetzt bricht die Unruhe wieder los. Mein Hirn will arbeiten. Gedanken fliegen in tausend Richtungen, bringen frische Ideen mit, schleppen die Musen an.

Ein Wort vorweg zu den Musen: Sie sind zickige, launische Biester.

Vergesst jede romantische Vorstellung von ätherischen Wesen, die dem Autor erscheinen, ihren Zauberstab schwenken und ein Meisterwerk ist geboren. So wollen sie gerne gesehen werden (selbstherrlich sind sie auch), in Wirklichkeit sind es schleimige Widerlinge. Am liebsten würde ich ganz auf sie verzichten, was leider nicht möglich ist. Wir Autoren sind auf ihre Funken angewiesen, ihre Inspiration, ihre Magie.

Also sitze ich mal wieder da und warte was meine Gedanken da anschleppen. Sind genug zusammen startet das Musencasting.
Ich auf dem Sessel, sie davor, müssen mich von ihrer Idee überzeugen und überzeugend, das sind sie. Musen können sich verkaufen, sie erzählen dir alles, was du hören willst, damit du sie annimmst und ihnen ein Heim gibst. Sobald das geschehen ist fläzen sie auf der Couch, fressen deinen Kühlschrank leer, trinken dein Bier und interessieren sich einen Scheiß für deinen Arbeit. Du musst ihnen in den Arsch treten, ständig, von morgens bis abends: Arschtreten.

Deshalb ist das Musencasting so wichtig, es dient dazu die vielversprechendste Idee mit der motiviertesten Muse zu finden. Wie das geht? Quetsche sie aus, frag sie Löcher in den Bauch, mache dir Notizen. Prüfe die Idee: was kannst du daraus machen?, reicht sie aus einen ganze Handlung zu tragen?, willst du die nächsten Monate (vielleicht sogar Jahre) daran arbeiten?, wird diese Geschichte überhaupt irgendwen interessieren?, was ist das Besondere daran?, gibt es diese oder einen ähnliche Geschichte bereits und wie wurde sie umgesetzt?, wie willst du sie umsetzen?, hast du das nötige Wissen, die entsprechende Kompetenz dazu?, wenn nein, wo kannst du sie dir holen? Diese und noch mehr Fragen sollst du der Muse (und dir) stellen und erst wenn du eine befriedigende Antwort darauf bekommst, triff deine Entscheidung.

Deine Entscheidung muss, trotz guter Vorarbeit, nicht zwingend richtig sein. Musen sind unglaublich gewitzte Lügner und Blender und du wärst nicht der erste der auf sie hereinfällt. Wenn sie dich enttäuscht, schmeiß sie raus. Ohne Gnade. Musen gibt es wie Scheiße in der Kläranlage.

Es mag einige Casting-Runden dauern, bis du eine Muse findest mit der du gut arbeiten kannst, es lohnt sich anspruchsvoll zu sein und wählerisch. Was du auf jeden Fall sein musst ist: streng.

Selbst wenn deine Muse funktioniert wird sie nicht vor Arbeitseifer sprühen. Bleib dran, trete ihr in den Hintern und gewöhne dich an den Gedanken, dass du dennoch den größten Teil der Arbeit alleine machen musst.

Schreibtipp #2: Keine Zeit? Keine Ausreden!

Keine Zeit dafür. Diese Ausrede höre ich ständig, und genau das ist es: eine Ausrede.

Wenn du wirklich schreiben willst, musst du dir die Zeit dafür schaffen. Schalte den Fernseher ab, verkaufe ihn am besten und dein Handy gleich dazu und schenke deine Playstation den Nachbarskinder; melde dich im Fitnessstudio ab, kündige deine Vereinsmitgliedschaft; sage deinen Freunden, dass du nicht mehr unbegrenzt für sie zur Verfügung stehst; trenne dich von deiner Freundin, wenn du es mit ihr nicht ernst meinst (wenn du es ernst mit ihr meinst schlage ihr eine Beziehungspause vor, bis du mit deinem Manuskript fertig bist); fresse Fertigpizza, vernachlässige deine Wohnung; reduziere deine Ausgaben soweit, dass du in deinem Brotberuf auf Teilzeit runter gehen kannst; reduziere die Menge Schlaf auf das notwendige (6 bis 7 Stunden); lege deinen Facebook Account auf Eis.

Es kommt immer darauf an, wie sehr man etwas will und was man dafür bereit ist zu opfern.

Okay, die obengenannten Maßnahmen sind etwas drastisch formuliert und sicherlich schafft man sich auch Freiräume, wenn man sie nur teilweise berücksichtigt. Aber dann gilt es diese Freiräume auch zu nutzen und nicht mit anderen Zeitkillern aufzufüllen.

Denn das ist es woraus sich unser Alltag zusammensetzt, aus Zeitkillern. Du beseitigst ein paar von ihnen und schon stoßen neue in die entstandene Lücke. Du gehst ins Internet, weil du etwas für deinen Roman recherchieren musst und ehe du dich versiehst landest du bei Wikipedia und klickst dich durch Artikel über Meerschweinchen-Dressur in Indochina, obwohl das rein gar nichts mit deinem Text zu tun hat; du endest auf der Spiegelseite und liest einen Artikel über Zeitmanagement und wirfst damit genau dieses über den Haufen; du reaktivierst deinen Facebook Account, weil du ohne ihn nicht kannst; du schaust dir tanzende Katzen bei Youtube an; du betrachtest Lesben mit Strap-on-Penissen auf Pornhub und fragst dich: was hat die Scheiße mit meinem Buch zu tun?

Nichts. Rein gar nichts. Du blickst auf die Uhr und denkst dir: verdammt, drei Stunden verplempert.

Für Trümmerteilchen bin ich verwahrlost, ich habe die meisten der obengenannten Maßnahmen getroffen, um das Ding fertig zu bekommen. Ich habe Opfer gebracht, ohne zu wissen, ob diese Opfer sich gelohnt haben, ob sie sich jemals für mich bezahlt machen. Was es das wert? Ja. Das Gefühl etwas beendet zu haben, die Geschichte fertig erzählt zu haben, der Stolz den es mir gibt; die Erfahrung, die ich sammeln durfte; was ich über mich lernte; überwiegen.

Obwohl ich mich durch die Arbeit an Trümmerteilchen aus dem Leben zurückziehen musste, fühlt sich die Zeit der Arbeit daran intensiver an, mehr nach Leben an, als all die Dinge, die einen sagen lassen: keine Zeit.

 

Demnächst:

Schreibtipp #3:  Musencasting

Schreibtipp #4: Lesend lernen

Schreibtipp #5: Entwickle deinen Stil

 

Schreibtipp #1: Hinsetzen. Hirn auspressen.

bleed-writing

Einen Euro für jeden Schwätzer, der mir erzählt er hätte so tolle Sachen erlebt, wenn er die nur aufschreiben würde … Nerv mich nicht mit dem was du tun könntest, begeistere mich mit dem, was du tust.

Setze dich vor deine Schreibmaschine und blute.

Hemingway mal wieder und mal wieder trifft er es. Man schreibt, in dem man auf die Tasten einhaut, man schreibt, in dem man sein Hirn aufs Papier presst, man schreibt, in dem man eine Ader öffnet, sein Herzblut in Tinte verwandelt und diese aufs Papier fließen lässt.

Wer auf einen magischen Moment der Inspiration wartet, wird nie etwas zu Papier bringen. Momente der Inspiration sind selten, sie kommen spucken dir vor die Füße und verpissen sich. Und du darfst glücklich ihre Rotze auflecken und dich toll fühlen.

Schreiben ist Arbeit.

Und einer Arbeit muss man regelmäßig nachgehen. Man muss sich Tag für Tag vor die leere Seite setzen und sich vornehmen sie zu füllen. Und die nächste. Und die nächste.

Quantität schafft Qualität

sagt Bradbury und auch er hat recht. Wenn du Schreiben lernen willst, dann schreibe, fülle jeden Tag fünf Seiten. Mit was? Alter, es ist deine Geschichte, es ist dein Leben. Fülle es mit allem, mache dir keine Gedanken darüber, ob es gut ist, oder schlecht.

Vermutlich ist es schlecht. Ich will dich nicht runtermachen, nur realistisch bleiben. Wärst du als Genie geboren, wüsstest du es längst, finde dich damit ab, dass du es nicht bist. Das schafft eine gute Grundlage.

Schreibe, um vom Schreiben zu lernen, wie man schreibt. Jede Seite wird besser, jede Geschichte stimmiger, jede Figur lebendiger, wenn du dich hinsetzt und dein Hirn auf diese verdammte leere Seite presst.

Schreibtipps – oder von den eigenen Dämonen lernen

Nennt mich größenwahnsinnig, nennt mich realitätsfern. Noch nichts Nennenswertes veröffentlicht, aber Schreibtipps geben wollen. Nee, is‘ klar.

Dennoch gibt es etwas, dass gerade mich dazu befähigt diese Tipps zu geben: Der Lernprozess, den ich durchlaufen habe bei diesem Projekt.

Trümmerteilchen ist geschrieben und befindet sich in den letzten Phasen der Überarbeitung, bevor es auf eine, hoffentlich ertragreiche, Pilgerfahrt durch die Agenturen und Verlagshäuser der Buchwelt geht.

Vor einem dreiviertel Jahr stand das Manuskript noch bei 124 Seiten, eine Novelle mit dem Titel: Eine kleine Geschichte vom großen Scheitern. Ich hätte ihr nie zugetraut über 200 Seiten zu wachsen (in der aktuellen Fassung liegt Trümmerteilchen bei 360 Seiten).

Vor einem dreiviertel Jahr klafften Lücken zwischen flachen Charakteren, in eine Handlung gepresst, in der sie nicht zuhause waren.

Vor einem dreiviertel Jahr war Trümmerteilchen bereits vier Jahre alt. Lebte ein Dasein in der Schublade. Dort hinein verbannt, weil es mir Angst machte. Ich wusste, dass es noch nicht fertig war (wie viel fehlte, um es fertig zu nennen war mir allerdings noch nicht klar). Mir war klar, dass, wenn es öffentlich wird, hässliche Dinge folgen können (seine Sprache ist nicht stubenrein, sein Inhalt provoziert, seine Botschaft demoralisiert). Ich hatte Angst daran zu arbeiten, denn daran zu arbeiten hieß, sich auf eine emotionale Achterbahnfahrt (weniger freundlich ausgedrückt: eine emotionale Talfahrt) einzulassen. Mit ungewissem Ausgang.

Wie das Verräterische Herz bei Poe lag es in der Schublade und schlug, pochte von innen dagegen, wollte raus. Es würde mir nie Frieden geben ließe ich es dort liegen.

Immer wieder zog ich es heraus, arbeitete ein wenig daran weiter und brach ab, erschrocken über das Monster, das ich schuf. Erschrocken darüber, was es von mir forderte.

Es dauerte bis vor einem dreiviertel Jahr, endlich war ich bereit es ihm zu geben. Was? Alles. Meine Zeit, meine Gedanken, meine Träume, Hoffnungen und Ziele. Kurz: Mein Leben.

Die Trümmerteilchen, das sind meine inneren Dämonen (ein Teil von ihnen). Ich kann mich mit ihnen auseinandersetzen, oder sie wegsperren. Wegsperren habe ich versucht, vergebens. Also befreite ich sie aus der Schublade, hörte ihnen zu, lernte von ihnen, erkannte mich in ihnen, nahm sie an, nahm mich an. Wuchs und wurde: Ich. Florian Wolf – Schriftsteller, Träumer, Hoffender.

Wenn ich also von Schreibtipps spreche, meine ich: den existenziellen Prozess des Schreibens.

Dann meine ich: die Selbsterfahrung, die einem kein Schreibkurs geben kann.

Dann meine ich: den inneren Dämonen begegnen, sie zulassen, sie verarbeiten.

Dann meine ich: ich möchte weitergeben, was einen Anfänger erwartet, wenn er sich auf das Schreiben einlässt.

Und ich meine, dass ich dazu sehr wohl in der Lage bin.

Damit sei die Serie eröffnet.

Arschloch-Selbsterkenntnis (mit Leseprobe)

Warum fällt es mir soviel leichter das Arschloch zu schreiben, als die Netten und die Guten? Eine Woche verbrachte ich in Gesellschaft des braven Dorfmädchens, überarbeitete ihre Worte, richtete ihre Motivation neu aus. Es war harte Arbeit.

Heute nahm ich mir Damian vor und, bang, die Chemie stimmte gleich zwischen uns. Wie kommt es, dass sich mir seine Perspektive sofort erschloss? Was sagt das über mich?

Und, viel wichtiger, will ich es wirklich wissen?

Schreiben ist ein Prozess der Selbsterkenntnis, nicht alles was man dabei findet gefällt einem, oder besser: es sollte einem nicht gefallen. Doch vergessen wir den Maßstab von Gut und Böse, den unser Disney-Moralsystem uns implementiert, dringen wir durch die Fassade des braven Scheins und schauen uns an, was dahinter liegt.

Wer soweit gekommen ist, der wundert sich nicht mehr, wenn er dort ein Arschloch findet, denn er weiß auch, dass, was als Arschloch bezeichnet wird, vielleicht nur jemand ist, der sein Leben lebt.

Und deshalb, weil es an dieser Stelle so gut passt, eine weitere Leseprobe.

Viel Spaß mit Damian.

Leseprobe.Katerfrühstück

(Die Szene ist gerade heute neu entstanden und ersetzt die frühere Einführung von Damian, dem Antagonisten der Geschichte. Ob sie nachher genauso stehen bliebt? Wer weiß.)

Schlachtfeld

Exklusivbilder von Ground Zero.

Wo das Hirn wütet, muss die Ordnung weichen.

Die Basis steht unter Belagerung und wehrt sich vehement gegen die kreative Kraft der Angreifer. Ob sie fallen wird? Hoffentlich.

Arbeitsplatz

 

Eine Luftbildaufnahme zeigt die eingesetzten Kampfmittel und die taktische Ausrichtung des Gegners. Was konfus aussieht beherbergt eine raffinierte Strategie, der sich die leere Seite und die Schreibblockade nicht gewachsen zeigen.

Werkzeug

Notizbuch, Rechner und ein Arbeitsexemplar (man beachte vor allem die allgegenwärtigen Kaffeeflecken) – auch heute triumphiert die Arbeit.

 

 

Opfer bringen

Draußen hat es zwanzig Grad und ich sitze in meinem kleinen Kämmerlein und hacke in die Tasten. Die Sonne regiert den Tag und lässt Farben wachsen und ich sitze unter meiner Dachschräge am Schreibtisch.

Ich hätte mir auch den Tag freigeben, die Sonne genießen und einfach nur abhängen können. Hätte können. Kann ich aber nicht. Zu schnell wird aus einem faulen Tag ein zweiter, dann ein dritter. Zu schnell verliert sich der Faden, ihn wieder zu finden: schwer.

Außerdem habe ich mir eine Deadline gesetzt. Bis Ende April möchte ich die Endfassung fertig haben.

Klar kommt es auf den einen oder anderen Tag nicht an, aber mit einem fixen Datum arbeitet es sich effektiver. Bis dahin fällt Abschalten schwer. Ist eigentlich unmöglich. Kann man komplett vergessen. Also lieber arbeiten und fertig machen.

Deshalb höre ich jetzt auch auf zu plappern, es gibt noch einen kompletten Showdown, der überarbeitet werden will.

In Gedanken bei Hemingway

„Die erste Fassung ist immer Scheiße.“ – Orginalzitat von Ernie.

Sagt alles, braucht man nichts hinzufügen.

Oder doch?

Denn die zweite Fassung, die ist nicht arg viel besser.

Das Bild des Autors, der vor seiner Schreibmaschine sitzt, tippt und tippt und tippt und dann in großen Buchstaben ENDE unter seinen Text schreibt, das Ding eintütet, es einschickt und sofort einen Bestseller landet, ist sowas von für den Arsch.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: man schreibt gegen den Zweifel, gegen die Stimmen im Kopf, die kritisieren und meckern, gegen die Ablenkungen, die allgegenwärtig sind. Die Muse schläft aus, kommt am Nachmittag kurz herein, schaut kurz über das, was man bereits geschrieben hat, sagt: „Kacke“ und geht wieder. Man selbst bleibt zurück, liest was man getippt hat und muss der Muse recht geben.

So ab der dritten Fassung wird das Ding vorzeigbar. Man fängt an daran zu glauben.

Das Manuskript aus der Hand zu geben fühlt sich an, als würde man seinen Sohn in die Schule schicken. Man hat den Bengel aufgezogen und auf die Welt vorbereitet, jetzt hofft man, dass er klar kommt und die anderen Kinder nett zu ihm sind. Man ist nervös.

Man wartet auf Rückmeldung von den Testlesern. Schlimmer als damals auf der Uni das Warten auf die Klausurergebnisse.

Die Rückmeldung kommt. Überwiegend positiv, dazu einige Punkte, die es zu verbessern gilt. Man selbst wäre darauf nicht gekommen, zu oft hat man den Text gelesen, zu intensiv hat man sich mit den Figuren auseinandergesetzt, zu verbissen an manchen Szenen festgehalten. So viele Ideen. Das Hirn arbeitet in andere Richtungen. Richtungen, in die man vorher nicht gedacht hat. Warum eigentlich nicht? Dabei liegen sie offensichtlich vor einem.

Für jedes Problem findet sich ein Lösungsansatz, man macht Notizen, denkt neue Handlungsstränge durch, geht in die Überarbeitung und weiß, die nächste Fassung wird um so vieles besser sein.